TiAM
FundResearch: Die letzten Jahre waren für Small Caps schwierig. Was waren die
Hauptgründe dafür?
Peter
Kraus: Wir hatten
eine Kombination aus Rezession und extrem schnell steigenden Zinsen – das war
toxisch für Small Caps. In Phasen wirtschaftlicher Unsicherheit investieren
große Investoren ihr Kapital lieber in große, liquide Unternehmen. Die
steigenden Zinsen haben zudem wachstumsstarke Unternehmen mit hohen Bewertungen
unter Druck gesetzt.
Hat der Trend zu ETFs die Situation für Small Caps noch
verschärft?
Das wird oft
diskutiert, aber ETFs gibt es schon lange. Der Effekt ist eher marginal. Viel
wichtiger ist, dass Small Caps nach schwachen Jahren oft unterschätzt werden.
Denn die Innovations- und Ertragskraft bleibt bestehen. Auch Unternehmen wie
Microsoft sind auch einmal als Small Cap gestartet. Das darf man nicht
vergessen.
Gibt es historische Parallelen zu dieser Underperformance?
Ja, in den
letzten 100 Jahren gab es immer wieder Phasen, in denen Small Caps schlechter
liefen, zum Beispiel in den 1970er Jahren und Ende der 1990er Jahre zur
Dotcom-Phase. Danach folgte aber jeweils eine mehrjährige Phase, in der Small
Caps stark outperformt haben. Aus Bewertungssicht sind wir jetzt wieder an
solchen historischen Tiefpunkten – das spricht für eine Erholung.
Die aber noch auf sich warten lässt…..
In der Tat
sind die Anleger nach den starken Abflüssen aus den Nebenwertefonds noch nicht
zurückgekehrt. Laut J.P. Morgan waren die Jahre 2022 und 2023 die Jahre mit den
weltweit höchsten Abflüssen aus Small-Cap-Fonds seit der Finanzkrise.
Wie reagieren Ihre Investoren auf die jüngste Underperformance?
Langfristig
orientierte Investoren bleiben uns treu. Natürlich gibt es Unruhe, aber wir
sind überzeugt, dass sich Qualität und Wachstum durchsetzen werden.
Hat die zuletzt herausfordernde Marktsituation Sie dazu
veranlasst, etwas an Ihrer Strategie zu ändern?
Nein. Unsere
Strategie ist seit fast 25 Jahren unverändert. Wir setzen auf zwei Faktoren:
kleine Unternehmen mit einer geringen Marktkapitalisierung und hoher Qualität.
Das bedeutet, wir investieren in Firmen mit hoher Profitabilität, starken
Bilanzen und soliden Kapitalrenditen. Langfristig zeigt sich, dass Small Caps
weltweit besser abschneiden als große Unternehmen. Hätte man seit 1996 einfach
nur in die 30 Prozent der qualitativ besten europäischen Small Caps investiert,
hätte man den MSCI Europe Large Caps um den Faktor acht outperformt. Und ich
sehe auch keine Gründe, warum Small Caps nicht auch in der Zukunft outperformen
sollten.
Warum haben kleine Unternehmen langfristig die bessere
Performance?
Ganz einfach:
Weil sie schneller wachsen. In den letzten zehn Jahren lag das Gewinnwachstum
(EPS) europäischer Small Caps bei zehn Prozent pro Jahr – doppelt so hoch wie
bei Large Caps. Unser Fokus liegt dabei auf Unternehmen mit einem
Gewinnwachstum von rund 15 Prozent pro Jahr. Solche Unternehmen können alle
vier bis fünf Jahre ihren Gewinn verdoppeln und das ungeachtet aller Krisen –
von der Finanzkrise über die Corona-Pandemie bis hin zur jüngsten
Nebenwerte-Schwäche. Zudem gibt es in Europa über 6.000 börsennotierte Small
Caps, also eine breite Auswahl an Wachstumsunternehmen aus den
unterschiedlichsten Branchen. Darunter unglaublich viele Weltmarktführer. Mit
ihrer Innovationskraft profitieren sie von der Digitalisierung, von
Veränderungen im Gesundheitswesen oder nachhaltigen Technologien, was zu hohen
Wachstumsraten führt.
Wie viele von den 6.000 Titeln erfüllen ihre Kriterien?
Letztlich
besteht unsere Watchlist aus etwa 200 Titeln. Dabei filtern wir gezielt nach
Unternehmen mit soliden Geschäftsmodellen, nachhaltigem Wachstum und hoher
Profitabilität. Viele Firmen scheiden aus, weil sie strukturell schwach sind
und kaum Geld verdienen. Am Ende schaffen es etwa 90 Titel ins Portfolio.
Halten Sie die Titel eher langfristig oder hat der Berenberg
European Small Cap einen
hohen Turnover?
Die
Umschlagshäufigkeit ist in der jüngeren Vergangenheit unfreiwillig angestiegen.
Das liegt an den vielen US-Private-Equity-Firmen, die sich verstärkt in Europa
umschauen. Es gibt eine Rekordaktivität im M&A-Bereich, was darauf
hindeutet, dass die Bewertungen auch exzellenter Unternehmen am Boden sind. Wir
verkaufen in erster Linie, weil wir noch bessere Alternativen finden. Im
Durchschnitt verkaufen wir etwa eine Aktie pro Monat, wobei zwei Drittel der
Verkäufe darauf zurückzuführen sind, dass Unternehmen entweder zu groß werden
oder übernommen werden. Ansonsten halten wir unsere Positionen langfristig.
Wann ist ein Unternehmen zu groß für den Fonds?
Ab einer
Marktkapitalisierung von sechs Milliarden Euro verkaufen wir sie konsequent. So
bleiben wir ein reiner Small-Cap-Fonds und können kontinuierlich in neue,
vielversprechende Unternehmen investieren.
Gibt es Branchen, die Sie grundsätzlich meiden?
Ja, einige
Sektoren passen nicht zu unserer Strategie. Versicherungen, Banken und
Telekommunikationsunternehmen sind oft stark von externen Faktoren wie
Zinsschwankungen abhängig und können ihr Wachstum nicht aus eigener Kraft
erzielen. Auch stark verschuldete Unternehmen oder solche mit geringer
Kapitalrendite meiden wir – das betrifft zum Beispiel Immobilienfirmen oder
Versorger. Wir investieren lieber in Unternehmen aus den Bereichen Industrie,
Technologie, Gesundheitswesen und Konsum.
Sie haben viele Schweizer Unternehmen im Portfolio. Was macht den
Standort so attraktiv?
Die Schweiz
hat einige Vorteile: ein stabiles wirtschaftliches Umfeld, eine effiziente
Infrastruktur und eine solide Altersvorsorge. Die Steuern sind niedrig, ebenso
die Inflation, die Zinsen und die Verschuldung. Auch sind die Energiepreise
niedriger und die Verwaltung ist effizient. Zudem zieht die Schweiz – ähnlich
wie die USA – Top-Talente aus aller Welt an. Das sind alles Faktoren, die
Unternehmen dort erfolgreicher machen. Viele CEOs der führenden
Technologieunternehmen in den USA sind Einwanderer: Elon Musk ist Südafrikaner,
Satya Nadella (Microsoft) stammt aus Indien. Die USA haben es geschafft, ein
Magnet für Spitzenkräfte zu sein. Genau das bräuchte Deutschland auch: Die
besten Köpfe aus aller Welt aktiv anwerben. .
Welche Regionen bevorzugen Sie in Ihrem Portfolio noch?
Wir haben
auch einen starken Fokus auf Nordeuropa, insbesondere Schweden. Dort gibt es
viele innovative Small-Cap-Unternehmen in den Bereichen Technologie,
Medizintechnik und Industrie. Schweden markiert in Europa die Spitze der
Innovation im Gesundheitswesen und im Technologie-Sektor. Die makroökonomischen
Bedingungen sind dort auch stabiler als etwa in Südeuropa. Auch ist das
Bildungssystem und die Innovationsfreude anderen Teilen Europas deutlich
überlegen. Hinzu kommen auch noch sehr günstige Energiepreise. Wenn man diese
Länder mit Deutschland vergleicht, ist Nordeuropa uns in allen Belangen
deutlich überlegen.
Sie sehen die aktuelle Lage für Deutschland und deutsche Small
Caps also nicht allzu rosig?
Die Deutsche
Bahn ist vielleicht das Symbol für den Niedergang Deutschlands. Aber ich glaube
trotzdem, dass es wieder bergauf geht. Nicht in den nächsten ein bis zwei
Jahren, aber langfristig. Deutschland hat sich in der Vergangenheit immer
wieder erholt – nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Zweiten Weltkrieg, nach den
Krisenjahren der 1990er. Anfang der 2000er galt Deutschland als „der kranke
Mann Europas“, doch mit den Reformen unter Gerhard Schröder kam die Wende.
Aber ein neuer „Gerhard Schröder“ ist nicht in Sicht.
Aktuell
steckt Deutschland in einer selbstverschuldeten Krise. Aber es gibt zu viele
fleißige und talentierte Menschen im Land, als dass es dauerhaft abwärts gehen
könnte. Der MSCI Germany Small Cap Index ist auf ein extrem niedriges
Bewertungsniveau gefallen – solche Phasen haben in der Vergangenheit immer eine
Trendwende eingeläutet. Ich glaube, dass Deutschland aktuell eine der besten
Gelegenheiten der letzten 20 Jahre bietet, um zu investieren. Momentan haben
viele Deutschland aufgegeben. Aber genau das ist oft der Punkt, an dem sich
eine Erholung abzeichnet. Es gibt weltweit führende Unternehmen in Deutschland
– sie haben Krisen überstanden und werden auch diese überstehen.
Was macht Sie da so sicher?
Peter
Kraus: Vor 15
Jahren, während der Finanzkrise, dachte man auch, dass eine Trendwende sehr
schwierig wird . Doch gerade dann ist der Zeitpunkt, um zu investieren.
Vielleicht erlebt Deutschland sogar eine Phase, in der es die USA outperformt –
so wie zwischen 2003 und 2007. Das glaubt heute niemand, aber genau das könnte
passieren. Die Bewertungen, Kapitalflüsse und Marktstimmung haben sich so weit
auseinanderentwickelt, dass eine Umkehrbewegung durchaus möglich ist.
Zur
Person:
Peter Kraus
ist seit Oktober 2017 Head of Small Cap Equities im Wealth and Asset Management
bei Berenberg. Er begann 2000 als Aktienanalyst und wechselte 2003 zu Deka
Investment. Dort war er als Analyst für europäische Nebenwerte tätig. In 2006
wechselte er zu Allianz Global Investors als Fondsmanager für europäische Micro
und Small/Mid Caps, wo er maßgeblich zum Erfolg des Nebenwerte-Teams
beigetragen hat. Peter Kraus zeigte sich verantwortlich für das Management von
diversen europäischen Nebenwerte-Fonds sowie für die Akquisition und die
Betreuung internationaler institutioneller Mandate.
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